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Thema: Methadon als "Off-Label-Use"

Methadon als "Off-Label-Use"
Zyla
11.08.2017 18:19:36Neu
Wenn ich es richtig verstanden habe, zählt der zusätzliche Einsatz von Methadon zur Chemotherapie zum sogenannten Off-Label-Use. Methadon ist somit ein Medikament, was zulassungsüberschreitend eingesetzt wird. Verträglichkeit und Nebenwirkungen vom Methadon sind bekannt, zumindest als Monotherapie.

Lassen wir das Pharmagedöns, dann bleibt bei der Diskussion ein Glioblastompatient (A) übrig, der früher oder später auf die Standardtherapie nicht mehr anspricht und ein Glioblastompatient (B), der ebenso früher oder später auf die Standardtherapie nicht ansprechen wird, der aber versucht dieses Ereignis, durch den zusätzlichen Einsatz von Methadon zur Chemotherapie, zu verzögern.

Methadon steht praktisch stellvertretend für Medikamente, von denen sich eine Optimierung der Standardbehandlung erhofft wird. Bei der CUSP9-Studie sind es sogar neun Medikamente, die off-label zusätzlich zur Standard-Chemotherapie verabreicht werden.

Da gäbe es für mich intuitiv keine Frage, ich wäre der Patient (B), der seine Therapie mit Methadon oder einer anderen Substanz ergänzt. Aber, wie verhält es sich mit der Wahrscheinlichkeit tatsächlich? Was hätte ich zu verlieren? Lebensqualität? Lebenszeit? Wenn die Lebensqualität darunter leidet, dann könnte das Methadon abgesetzt werden.

Es bleibt das Abwägen einer verkürzten Überlebenszeit durch die unbekannte Wirkung einer Substanz bei zusätzlicher Gabe im Vergleich zu einer zusätzlichen Chance auf Wirkverstärkung der Chemotherapie und Lebenszeitgewinn.

Mich würde dazu sehr die Meinung eines Statistikers interessieren. Welche Wahrscheinlichkeit ist höher? Ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein austherapierter Patient ohne Therapie innerhalb einer Frist verstirbt oder ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass dieser austherapierte Patient diese Frist überlebt, wenn er (schon vorher) versucht die Therapie zu optimieren, nicht mit Hokuspokus sondern mit einer Substanz, deren Einsatz ein geringes Potential vermuten lässt?

Mir ist klar, dass sich die Ergebnisse aus Tierversuchen oder dem Reagenzglas nicht automatisch auf die Anwendung beim Menschen übertragen lassen.
Zyla
suace
12.08.2017 09:25:23Neu
Statistik nützt einem im Einzefall leider gar nichts.
Eine europäische Frau bekommt statistisch 1,65 Kinder. Ich kenne viele Frauen mit Kind(ern) .... aber keine einzige mit 1,65 Kindern
suace
Prof. Mursch
12.08.2017 09:45:25Neu
@"suace": Ich verkneife mir mal eine Antwort auf diesen Kalauer. Die Statistik nutzt im Einzelfall sehr viel.
Sie errechnet aus vielen Ergebnissen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis oder Ergebnis einer Therapie eintritt. Das heisst im Einzelfall beispielsweise, dass ich die Wahl habe etwas zu tun, was 80% der Menschen hilft, ein Jahr länger zu leben, oder es nicht zu tun. Klar kann ich bei den 20% sein, denen es nicht hilft, aber trotzdem ist es wahrscheinlicher, dass es mir hilft.

@"zyla": eine sehr differenzierte Herangehensweise, die ja das Problem mit dem Methadon recht gut beleuchtet.
Nur werden Sie keine Statistik haben, solange es keine Studien mit genug Patienten gibt. "Geringes Potential vermuten" reicht nicht für Statistik.



Prof. Dr. med. Kay Mursch
Neurochirurg
Zentralklinik Bad Berka
Prof. Mursch
Mariamaria88
12.08.2017 14:02:18Neu
Hallo Zyla,

Diese Frage stelle ich mir auch und zwar bei jeder zusätzlichen Therapieform zB Antikörper oder Cannabis. Einerseits habe ich das Gefühl dass wenn meine Mutter nur die Standardtherapie macht, dass wir zu wenig tun und anderseits habe ich Angst durch andere Methoden die Lebenszeit und qualität zu verkürzen. Bei dieser Diagnose tappen alle iwie noch im Dunkeln.
Mariamaria88
Mariamaria88
12.08.2017 14:05:30Neu
Wenn es anders wäre dann hätten wir eine andere Standardtherapie und dann vll wären die Ergebnisse wieder nicht zufriedenstellend. Man hätte gerne einen Heilmittel aber der ist zur Zeit nicht in Sicht
Mariamaria88
Zyla
14.08.2017 11:36:06Neu
Vielen Dank. Mit Wahrscheinlichkeiten kann sicher besser gearbeitet werden, wenn zum Thema viele Daten vorhanden sind. Leider gibt es diese Daten für den zusätzlichen Einsatz von Methadon zur Chemotherapie nicht und darum könnte mit Annahmen gearbeitet werden.

Annahme 1: Verträglichkeit der Kombitherapie ist gegeben (siehe Erfahrungswerte).

Annahme 2: Sterbe- und Nebenwirkungsrisiko hält sich bei einer geringen Dosis in Grenzen (siehe Erfahrungswerte)

Annahme 3: Aufgrund der Ergebnisse an Zellkulturen im Reagenzglas oder aus Einzelfallbeobachtungen am Patienten könnte sich die Wahrscheinlichkeit einer Wirksamkeit bei einer Kombination der Chemo mit Substanz X erhöhen, im Vergleich zur Kombination der Chemo mit anderen Substanzen ohne positive Wirkung und ohne einzelne positive Fallbeispiele.

Dies reicht sicher noch lange nicht, den Einsatz einer zusätzlichen Substanz (hier Methadon) zu rechtfertigen, denn es könnte noch viele andere Faktoren geben und so etwas wie einen Placeboeffekt. Aber im Angesicht der Prognose eines Glioblastompatienten und erst recht in der Situation eines "austherapierten" Glioblastompatienten relativiert sich dies aus meiner Sicht.

Mich würde interessieren, was dann dagegen spricht, einen weiteren Zyklus Chemotherapie in Kombination mit Methadon zu testen oder schon von Beginn an die Chemotherapie mit Methadon zu kombinieren, vorausgesetzt der Patient befindet sich in einem guten Allgemeinzustand, also weitestgehend ohne Beschwerden und ohne Symptome der Erkrankung.

Weiß jemand, warum derzeit so auf Methadon als Kombipräparat herumgeritten wird, denn von der Datenlage her könnte doch die Chemo ebenso oder besser mit Chloroquin kombiniert werden, dazu gibt es für Glioblastompatienten sogar schon Daten aus klinischen Studien? Soll bedeuten, dass Methadon bei der Überlegung über Wahrscheinlichkeiten nur stellvertretend für die KombiSubstanz einer Off-Label-Behandlung steht.
Zyla
BlueGene
16.08.2017 06:02:33Neu
Ein Veranstaltungstipp zum Thema:
https://www.facebook.com/events/1923022187960788/
BlueGene
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