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Thema: Nebenwirkungen vom OP

Nebenwirkungen vom OP
Klammeraffe
09.11.2017 10:06:54
Hallo Zusammen,
mein Mann hatte am Dienstag den 4. OP. Verlauf der OPs 1999 - 2006 - 2012 -2017. Die ersten drei OPs hat er gut weggesteckt. Besonders den 2. u. 3. OP. Nach dem 4. OP bin ich total erschrocken. Er ist so teilnahmslos, ihm ist wahnsinnig schwindelig, das Sprechen fällt ihm schwer. Man kann ihn kaum verstehen. Er kann das Wasser nicht halten. Er sagt, bis er merkt, dass er Wasser lassen muss, ist es zu spät. Die ganze Motorik ist so verlangsamt. Er schaut ganz gläsern. Ich bin total erschrocken und vollkommen fertig. Kennt das jemand? Bekommt man die Symptome mit entsprechenden Therapien wieder in den Griff? Ihm ging es vor dem OP "gut". Er hatte also keine solcher Symptome. Ich weiß im Moment nicht, wie ich damit umgehen soll.
Klammeraffe
Andrea 1
09.11.2017 13:04:09
Hallo liebe Klammeraffe,
nach so vielen OP's verwundert mich das nicht, dass er nun stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Sicherlich ist es schockierend, wenn es sich gleich so sehr zeigt.
Da wir hier keinerlei Infos darüber haben, kann ich nur aus meiner Erfahrung heraus berichten.
Auch ich hatte nach meiner damaligen OP eine ziemlich starke Verlangsamung meiner Reaktionen, allerdings schaffte ich es immer rechtszeitig zum WC. Meine Motorik war ebenfalls intakt und mit dem Sprechen hatte ich nur insofern Probleme, dass ich einmal angefangen zu reden, nicht mehr aufhören konnte. Erst, wenn ich "ALLES" gesagt hatte, verstummte ich endlich. Ich bekam alle positiven Dinge mit, konnte mich aber oftnicht sofort dazu äußern. Das erweckte für Außenstehende den Anschein, als wäre ich nicht mehr fit im Kopf. War ich aber irgendwie doch und es regte mich tierisch innerlich auf, wenn man mir das Gefühl vermittelte, als wäre ich nicht mehr zurechnungsfähig. Ich konnte mich einfach nur nicht so schnell äußern, weil mein Hirn sich mit sich selbst beschäftigte. Mir zogen Milliarden von Gedanken quasi gleichzeitig durch den Kopf und ich musste immer eine Lücke finden, um mich verbal äußern zu können. Aber ich schaffte das. Dabei durfte ich keinerlei Druck von außen kriegen, auch war mein Zeitgefühl völlig weg. Zeit hatte für mich keinerlei Bedeutung. Stunden vergingen für mich wie Minuten. So saß ich so manches Mal stundenlang auf dem Boden und mir kam es vor, als hätte ich da max 3 Minuten gesessen.
Mein Oligodendrogliom Grad 3 saß vorn rechts frontal, etwa faustgroß.

Wie solltest Du damit umgehen... meiner Meinung nach könnte es ihm jetzt in etwa so gehen, wie mir damals. Versuche ihn immer für voll zu nehmen, gebe ihm für alles viel mehr Zeit und nimm dir gereizte Reaktionen bloß nicht zu Herzen. Es könnte sein, dass er vielleicht gerade überfordert ist. Wenn die Konzentratio weg ist, kann man fast nur noch aus dem Langzeitgedächtnis schöpfen und das Kurzzeitgedächtnis ist vorrübergehend futsch. Man braucht sehr viel Ruhe und Zeit, dass sich das Gehirn langsam regenieren kann. Bei mir brachten negative Reaktionen/Gespräche, selbst kleinere Streitigkeiten immer einen Rückfall. Es musste alles schön harmonisch sein. Negatives durfte oder kam oft nicht an mich heran.
Streit gab es eigentlich nur, wenn jemand an meiner Zurechnungsfähigkeit zweifelte odr mich wie ein kleines Kind behandeln wollte. Da kochte mir das Blut in den Adern. ;-) Immerhin war ich vorher die Aktive, die alles regelte, managte und ein Nein gab es so gut, wie nie. Ich war immer für alle da, wenn ich gebraucht wurde. Alleine mein maroder Zustand war für mich schwer anzuerkennen, denn theoretisch konnte ich noch alles. Praktisch versagte ich bei den kleinsten Dingen, wie das Licht ausschalten, die Terrassentür schließen oder den Wasserhahn nach dem Händewaschen aus machen. Wasserrauschen wirkte auf mich extrem entspannend, vielleicht fiel es mir deshalb schwer, das wieder abzustellen?

Ein bisschen habe ich heute noch mit Verlangsamung zu tun, aber mit dem damaligen Zustand ist es überhaupt nicht zu vergleichen.
Auch kann ich mit stressigen Situationen nur noch schlecht umgehen, ich ziehe mich dann zurück, aus Selbstschutz. Ich würde wohl mit Zickigsein reagieren. Druck von außen kann ich auch nicht ab und meine Spontanietät ist ebenfalls weg. Werde ich unverhofft mit etwas neuem konfrontiert, macht mein Grips dicht und ich brauche etwas Zeit, mich an das Neue zu gewöhnen.
Ich hoffe dir helfen meine (leider wieder so langen) Ausführungen.
Alles Gute für deinen Mann, viel Geduld und Kraft für dich!
Auf dass er nicht noch weitere Eingriffe über sich ergehen lassen muss!
Andrea 1
Klammeraffe
09.11.2017 13:58:07
Hallo Andrea 1,

vielen Dank für deine ausführlichen Erläuterungen. Mich beruhigt es insofern, dass es dir wieder besser geht. Ich erhoffe mir ja auch durch Therapien Besserungen. Was mich so schockiert hat, ist der Zustand - den kannte ich von den bisherigen OPs nicht. Da war er wesentlich fitter. Klar vergesslich, auch langsamer im Denken. Aber sonst klappte es ganz gut. Ich habe mir
einen Termin beim Stationsarzt gemacht und möchte dort mal genaueres erfahren. Das schlimme ist eigentlich, dass er diese Situation auch nicht ertragen kann. Ich denke, damit hat er in der Form nicht gerechnet und bereut eventuell diesen Eingriff. Aber hatte er eine andere Wahl? Ich denke nicht.
Viele Grüße und dir weiterhin eine gute Zeit!
Klammeraffe
Andrea 1
10.11.2017 08:43:28
Halo Klammeraffe,
ja da sagste was mit der Wahl. Andersherum könnt ihr widerum echt froh sein, dass man deinen Mann operieren konnte, auch wenn die Einbußen zur Zeit noch extrem hoch sind. Unsere Gehirnzellen haben die fantastische Eigenschaft, dass sie dazulernen können und Bereiche nach/mit vielen Übungen zu übernehmen oder auch neu zu erlernen, weshalb man sich gut regenerieren kann.

Ein operativer Eingriff ist ein gravierender Eingriff, aber so viele andere haben diese Chance nicht, weil ihre Tumore inoperabel sind.

Damals konnte ich nicht mal mehr schreiben, geschweige denn gescheite Sätze in eine vernünftige Reihenfolge bringen, was sich in meinem Job (Werbebranche) "echt super" machte. Letztlich war das auch ein Grund mit, warum ich in die Verrentung fiel. Ich konnte mir keinerlei Zahlenfolgen mehr merken und hatte vorher ein absolut geniales Zahlengedächtnis.
Gib deinem Mann einfach Zeit und versuche mit ihm weitesgehend "normal" umzugehen, lediglich mehr Zeit und viel Ruhe geben/gönnen.

Ich hatte damals keine Anschlussheilbehandlung und als ich ein paar Monate später endlich eine Reha bekam, war mir diese extrem zu anstrengend, zumal ich noch meinen letzten Zyklus Chemo in dieser Zeit nehmen musste.
Nach der Reha ging ich nach dem Hamburger Modell wieder arbeiten, kurze Zeit später in Vollzeit, womit ich mich übernahm, weil ich unter totaler Selbstüberschätzung "litt". Letztlich endete es mit meiner "V-EU-Rente", das war echt hart und ist es bis heute! Ich war ja immer ein "Arbeitstier".
Mein Problem bis heute ist, sobald ich Termine wahrzunehmen habe, kann ich nicht mehr schlafen. Mein Hirn kommt nicht zur Ruhe und ich brauche einen beinahe autistischen Tagesablauf. Ein Problem mit zeitlichen Abläufen habe ich ebenfalls, ich brauche viel mehr Zeit, um mich zum Beispiel fertig zu machen, was früher in kürzester Zeit klappte, dauert heute sehr viel länger.
Bloß keine unverhofften Neuerungen. Trotz alledem gab ich nicht auf und schaffte es fast ganz ohne zusätzlicher Therapien, wieder auf die Reihe zu kommen. Nur für meine Arbeitsfähigkeit scheint es noch immer nicht zu reichen, was mich echt ärgert. Andersherum...hey, ich darf weiterleben und das ist sehr viel mehr Wert.
Meine OP war Anfang 2011 und 2014 kam ich in die volle EU-Rente.
Andrea 1
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