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Thema: Therapie Oligodendrogliom III

Therapie Oligodendrogliom III
nicky18
09.07.2018 18:36:34
Liebe Alle,

bei mir (weiblich, 48) wurde vor drei Wochen ein Oli III, IDH1 mutiert. 1p 19q Co-Deletion, methyliert operativ mutmaßlich vollständig entfernt. Der Tumor lag links frontal, hatte einen Durchmesser von 2,5 cm und ein ausgeprägtes perifokales Ödem.

Jetzt stellt sich die Frage nach der weiteren Therapie. Der Neurochirurg empfiehlt 4 Wochen nach OP mit der Bestrahlung zu starten (30 Tage). Danach 4 Wochen Pause, Kontroll MRT und anschließend 6 Zyklen (5/23) Temodal.

Ein anderes Klinikum empfiehlt nach Bestrahlung als Chemo PC oder Temodal nach Stupp (6 Wochen während Bestrahlung, danach 5/23-Zyklen mit höherer Dosierung).

Laut Neurochirurg (zu dem ich großes Vertrauen habe) ist PC bei Oli III nach NOA04-Studie dem Temodal nicht überlegen. Stupp-Protokoll mache man bei GlioIV, nicht bei Oli III.

Was soll ich glauben? Viel hilft viel? Natürlich wäre der erste Vorachlag Radiato und anschließend Temodal der „angenehmere.“ Aber ist er auch der bessere?

Hat jemand Erfahrung damit oder kennt neuere Studien? Ich bin ganz neu im Thema und lese so viel Widersprüchliches!

Konntet Ihr während der Bestrahlung/Chemo arbeiten? Ich würde gerne so schnell wie möglich wieder starten, Ablenkung und Alltag können so gut tun!!!

Ich freue mich über jede Antwort,
Liebe Grüße!
nicky18
Fabi
09.07.2018 20:45:47
Ich selbst habe auch ein Oli III so wie du...
Bei mir wurden jetzt 12 Zyklen Temodal gemacht... der letzte folgt nächste Woche und danach die 6-wöchige Bestrahlung. Laut meinem NC beim Oli III die beste Methode, weil kaum ein Hirntumor so sensibel gegen Strahlen und Chemo ist wie der Oligendrogliom. (So auch auf dem Hirntumorinformationstag in Würzburg bestätigt)

Letztlich führen aber auch hier viele Wege nach Rom und jeder Arzt/Klinik hat so seine eigene Methode die sich über die Jahre entwickelt und bewährt hat.

Lg Fabi
Fabi
nicky18
09.07.2018 21:16:58
Lieber Fabi,

vielen Dank für die schnelle Antwort!

Darf ich fragen wie Du die Chemo vertragen hast? Ich habe bei eingen gelesen, dass sie beim Schema 5/23 das Anti-Emetikum und Temodal abends genommen und die Nebenwirkungen „verachlafen“ haben.

Wurde dein Oli vor der Chemo entfernt?

Unabhängig voneinander haben beide Ärzte auch gesagt, dass dieser Tumor gut behandelbar ist. Na denn, ich drück uns die Daumen!
nicky18
Fabi
09.07.2018 22:34:48
Also ich muss sagen, dass ich die Chemo mittlerweile so gut vertrage, dass ich zum Teil die 5 Tage einfach ganz normal alles mache wie immer. (Auch Sport) ich habe mich auf 19 Uhr zur Einnahme der Tabletten eingependelt. Damit fahre ich wirklich sehr gut. Morgens hätte ich persönlich die Tabletten nicht genommen, da der Tag irgendwie für mich kaputt würde, da eine gewisse Müdigkeit schon Eintritt, aber das ist zum Abend ja eher angenehm :-)... jedoch musst du die „beste“ Zeit für dich selbst finden. Also ich würde es jedem raten die Tabletten zum Abend zu nehmen. Studien zeigten wohl auch, dass es keinen Unterschied in der Wirksamkeit macht ob morgens oder abends die Einnahme erfolgt.

Mein Oli wurde so weit entfernt wie das MRT es sichtbar machte ^^

Lg Fabi
Fabi
Telekomtoto
31.07.2018 19:08:04
Hallo Zusammen ,
auch ich habe einen Oli 2 OP 2013 da wurde nicht bestrahlt und auch keine Chemo. Jetzt wurde erneut operiert 03/18 und die Beratung ging zu Bestrahlung 30 x , die habe ich hinter mir . Ende August wird dann die Chemo beginnen. Die Aussage der Ärzte ist laut Statistik Stand 2018 so hat man mit Bestrahlung und Chemo die bessere Prognose.

LG Thomas
Telekomtoto
Majak
01.08.2018 10:42:47
Hier eine knappe Zusammenfassung einiger Studien:

Eine Subgruppenanalyse der NOA-04-Studie von 2016 hat ergeben, dass Temozolomid bei 1p/19q-kodeletierten Gliomen gegenüber PCV eher unterlegen ist.

Die NOA-04 wollte aber vor allem die Frage beantworten, ob bei anaplastischen Gliomen (WHO-Grad III) zunächst nur eine Strahlentherapie oder nur eine Chemotherapie (PCV vs. TMZ) besser ist. Hierbei zeigte sich kein großer Unterschied, wobei sich eine Tendenz zugunsten der primären Strahlentherapie abzeichnete.

Zwei weitere randomisierte Studien (EORTC 26951 und RTOG 9402) haben gezeigt, dass Patienten mit 1p/19q-kodeletierten oligodendroglialen Tumoren, die vor oder nach einer Strahlentherapie mit PCV-Chemotherapie behandelt wurden, insgesamt länger überleben als Patienten, die nur mit einer Strahlentherapie behandelt wurden.

Gemäß dieser Studien erscheint die Strahlentherapie mit anschließender PCV-Chemotherapie derzeit als die beste Option, wobei diskutiert wird, das Vincristin angesichts des Nebenwirkungsprofils wegzulassen und nur PC einzusetzen.

Nicht geklärt ist die Frage, ob eine Strahlentherapie plus Temozolomid ähnlich wirksam ist wie die Strahlentherapie plus PCV.

Vor diesem Hintergrund und der erwähnten Subgruppenanalyse der NOA-04 von 2016 soll demnächst in einer Studie (NOA-18) geklärt werden, ob eine primäre Chemotherapie mit TMZ plus CCNU gefolgt von einer Strahlentherapie plus PCV bei Progression (!) gegenüber einer Radiochemotherapie mit PCV überlegen ist. In dieser Studie geht es darum, die Therapien auch hinsichtlich des Erhalts neurokognitiver Funktionen zu vergleichen.

Eine eindeutige Antwort kann man im Moment also nicht geben. Eine Behandlung gemäß Stupp-Schema, also Strahlentherapie mit begleitender Temozolomid-Chemotherapie scheint aber eher nicht in Frage zu kommen, sondern eine aufeinanderfolgende Behandlung.

Das geht ja auch in die Richtung dessen, was der Neurochirurg vorgeschlagen hat, wobei man einfach nochmal nachfragen kann, was aus seiner Sicht eher für Temozolomid als PC(V) spricht.
Majak
nicky18
01.08.2018 16:35:52
Hallo Majak,

vielen Dank für Deine sehr ausführliche Antwort!

Mein NC in München Großhadern sagte, eine Reevaluation der NOA-04 Studie nach 12 Jahren (das müsste ja dann die Subgruppenanalyse von 2016 sein) habe keinen Vorteil von PC(V) gegenüber Temodal ergeben. In einer anderen Klinik wurde mir zuerst PCV vorgeschlagen, dann aber eineräumt, das sei eine Philosophie. Aha!

Ist NOA-18 auch für Oligos?

LG, Nicky
nicky18
Majak
02.08.2018 08:28:14
Hallo Nicky,

ich habe es so verstanden, dass sich insgesamt in der NOA-04 keine großen Unterschiede zwischen den Therapieformen ergeben haben, nur eben in Bezug auf die kodeletierten Oligos zeigte sich PCV gegenüber Temozolomid überlegen.

Daten zum direkten Vergleich von PC(V) und Bestrahlung gegenüber Temozolomid und Bestrahlung gibt es eben derzeit nicht. Die CODEL-Studie, die diese Therapien miteinander vergleicht, ist noch nicht abgeschlossen.

Da kodeletierte Oligos so gut auf Bestrahlung und Chemotherapie ansprechen, erscheint es plausibel davon auszugehen, dass sich ein ähnlicher Effekt wie mit PCV auch mit Temozolomid erreichen lässt. Nur kann man sich in dieser Hinsicht eben nicht auf Studienergebnisse stützen. Daher kann man schon sagen, dass es momentan verschiedene Philosophien in dieser Frage gibt.

Die geplante NOA-18 Studie wird auf der Internetseite der NOA beschrieben:

"Eine sehr einfache und reproduzierbare Testung für die Kodeletion der Chromosomen 1p und 19q im Tumorgewebe erlaubt die Identifizierung der prognostisch günstigsten Gruppe von Patienten mit WHO-Grad II und III-Gliomen. Diese Patienten haben in für die WHO-Grade separierten Studien einen Überlebensvorteil für eine Radiochemotherapie mit PCV gegenüber einer alleinigen Radiotherapie gezeigt. Aktualisierte molekulargenetische Untersuchungen lassen eine biologische Differenzierung zwischen WHO-Grad II und III-Gliomen nicht mehr zu, so dass für die vorliegende Studie als molekulares Eingangskriterium ein WHO-Grad II oder III-Gliom mit Isozitratdehydrogenase (IDH)-Mutation und 1p/19q-Kodeletion eingesetzt wird.

Dies entspricht den im Mai 2016 publizierten Grundlagen der Revision der vierten Auflage der WHO-Klassifikation für Hirntumore (Louis et al, Acta Neuropathologica 2016). Die WHO-Klassifikation stellt einen Grundpfeiler des aktuellen Studienkonzeptes dar. 2016 durchgeführte Subgruppenanalysen aus der NOA-04-Studie legen nahe, dass eine Temozolomid-Behandlung mit einer Behandlung mit PCV ausgerechnet in der prognostisch günstigsten Subgruppe und damit im Studienkollektiv der NOA-18-Studie unterlegen zu sein scheint.

Die Wertigkeit von PCV gegenüber PCV + Radiotherapie wurde niemals randomisiert untersucht. Im internationalen Kontext wird der Versuch, eine Nichtunterlegenheit einer PCV-Chemotherapie gegenüber einer Kombination aus PCV und Radiotherapie zu zeigen, äußerst kritisch beurteilt. Dieses Konzept wird von der französischen Studiengruppe der ANOCEF (POLCA) verfolgt. Nach Absprachen mit dieser Studiengruppe im Januar 2016 haben wir uns zur Vermeidung von Duplizierung der Studie, aber insbesondere aus inhaltlichen Erwägungen gegen einen Wechsel von Temozolomid zu PCV entschieden. Die alleinige Verwendung von Temozolomid war in der deutschen Studiengruppe aber auch nicht mehr mehrheitsfähig. Aus diesem Grund haben wir die Medikamenten-Kombination aus CCNU (Lomustin) und Temozolomid, das eine Wirkähnlichkeit mit Procarbazin besitzt, als Kombination für die experimentelle Intervention festgelegt. Diese Kombination wird in der ebenfalls vom BMBF geförderten CETEG-Studie, die von Prof. Herrlinger aus Bonn geleitet wird, eingesetzt.

Ziel der NOA-18 Studie ist es, eine Überlegenheit einer initialen Temozolomid plus CCNU Chemotherapie gefolgt von einer Teilhirnbestrahlung plus PCV bei Progression gegenüber einer Radiochemotherapie mit PCV im Gesamtüberleben ohne dauerhafte funktionelle Verschlechterung zu zeigen. Die Studie befindet sich in der späten Konzeptionsphase und wird demnächst bei den Behörden zur Begutachtung eingereicht."

https://www.neuroonkologie.de/studien/geplant

LG
Majak
schorsch
02.08.2018 12:13:17
hallo, vielen dank für die gute zusammenfassung. bei mir wurde nach einem weiteren rezidiv anaplast. oligo III motorikzentrum in 11/17 s. mein profil, eine rebestrahlung durchgeführt und pcv seit 2/18 begonnen. die rebestrahlung hat beeinträchtigungen hervorgerufen, die hoffentlich mit ergo/kg abgemildert werden können. verbesserung gibt es inwischen. man braucht geduld. pcv mußte mehrfach die gabe von vincristin unterbrochen werden. ansonsten die blutwerte erstaunlich lt auskunft heute, gut. gestern kontoll mrt mit ergebnis, kein deutliches wachstum wie 05/18 u. den vorhergehenden mrts, aber auch kein stillstand. hoffnung, das die chemo wirkt. am mo. gespräch im ukm, ob vincristin weiter gegeben werden soll u. die chemo überhaupt fortgeführt werden soll. befinde mich am ende des 4. zyklus. theotetisch sind 6 zyklen angedacht, lg u. allen betroffenen viel mut , kraft u. hoffnung.
schorsch
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