Guten Morgen liebe Gisela,
sehr gut kann ich Deine Gefühle wegen des Verhaltens Deines Mannes nachvollziehen. Es tut mir um Deinen Mann leid, aber auch um sehr um Dich und Deine Familie. Doch, glaube mir, er schätzt seine Familie nach wie vor. Mein Sohn und ich hatten ein sehr enges Verhältnis, schon alleine deswegen, weil ich mit ihm alleinerziehend war. Er hat sich im Verhalten mir gegenüber auch verändert. Das tat manchmal weh. Der Verlauf meines Sohnes war auch tragisch, wie bei jedem, bei meinem Sohn wusste aber keiner, er auch nicht, dass er ein Glioblastom (eigentlich Astrozytom Grad IV, aber der Verdacht Glio stand auch mal im Raum). Und insbesondere bei unserem letzten Treffen, war er mir gegenüber kränkend und bezüglich einer Person, die ich überhaupt nicht schätzte, sehr abweisen. Obwohl ich zu den aufbrausenden, verletzbaren Menschen gehören, habe ich damals meinen Mund gehalten, was mich an mir selbst gewundert hat. 1,5 Wochen später war mein Sohn tot. Und ich sehr froh, dass ich ruhig geblieben bin. Das veränderte Verhalten der Betroffenen ist leider ein Symptom der Krankheit. Tief durchatmen liebe Gisela. Jetzt habe ich eine Weile über das paradoxe Verhalten Deines Mannes gedacht, dass er wieder isst. Weißt Du, ich habe versucht mich in seine Situation hineinzuversetzen. Vielleicht möchte man den Menschen, die man liebt gerne etwas Gutes tun, bzw. sie nicht verletzen. Aus diesem Druck heraus kann er vielleicht aber tatsächlich nicht mehr essen. Vielleicht fühlt er sich in dem Hospiz etwas freier, gelöster. Es ist eine harte Aufgabe für Dich, aber vielleicht denkst Du gar nicht darüber nach, freust Dich, dass er Nahrung zu sich nimmt. Meinst Du, Du schaffst das? Und dann seht ihr euch vielleicht auch wieder herzlicher in die Augen.
Ganz liebe Grüße
Claudia
Claudia