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Thema: Unterstützung nach Klinikentlassung?

Unterstützung nach Klinikentlassung?
Andrea1966
21.05.2020 21:33:20Neu
Hallo zusammen,

bei meinem Vater (80 Jahre alt) wurde Anfang des Jahres ein Hirntumor festgestellt und im Februar teilweise entfernt - Glioblastom. Danach bekam er Bestrahlungen und Anfang Mai die 2. Chemo. Sein Zustand hat sich innerhalb kurzer Zeit wieder verschlechtert - Sprachstörungen, Gedächtnislücken, Verwirrtheit. Am Montag wurde er als Notfall in die Klinik gebracht und das MRT zeigt einen erneuten Wachstum. Er lehnt eine weitere OP ab oder sie ist nicht möglich. Die Klinik hat die Palliativstation mit eingebunden und mein Sohn hatte mehrere Gespräche gemeinsam mit meinem Vater. Bei einem der Gespräche war auch der Sozialdienst dabei und hat einen Antrag auf Pflegegrad gestellt. Das wollte ich schon nach der OP, aber da hat man gesagt, dass er keinen Pflegegrad erhält.

Ich konnte mich in den letzten Wochen nicht kümmern, da ich wg. meiner Depressionen und Erschöpfung selbst in einer Klinik war. Ich konnte den Aufenthalt unterbrechen und war heute bei meinem Vater im Krankenhaus. Nach 10 min. wäre ich am liebsten heulend raus gelaufen. Er redet zwar, aber er kann keinen Sinn in seine Sätze bringen. Er kann Dinge nicht beim Namen nennen, hat keine zeitliche Orientierung usw.

Von der Palliativstation wurde ihm eine Unterbringung im Hospiz nahegelegt, alternativ Pflegeheim oder 24-Std.-Betreuung daheim, denn alleine leben, könne er nicht mehr. Der Knüller kam dann heute am späten Nachmittag. Da rief die Klinik an und fragte mich, wie die Betreuung für ihn geregelt sei, da er am Samstag entlassen wird. Weder mein Sohn noch ich wussten etwas darüber. Wir sagten, dass das nicht ginge, da er alleine lebt und wir keine Versorgung aus dem Hut zaubern können.

Die Entlassung wurde jetzt auf Montag verschoben, aber dennoch frage ich mich, ob das Krankenhaus ihn von jetzt auf gleich entlassen kann, ohne vorher die weitere Versorgung sicherzustellen.

Morgen versuche ich, alle möglichen Institutionen (Soz.-Dienst der Klinik, Krankenkasse, Pflegeheime usw) telefonisch abzuklappern.

Vielleicht hat ja jemand Erfahrungen und kann mir Tipps geben. Auch wie man sich gegen solch ein Vorgehen wehren kann. Denn die Aussage, er würde ja nicht mehr operiert und nur noch medikamentös behandelt werden, und aus dem Grund kann er nicht mehr stationär bleiben, finde ich in dem Zusammenhang ziemlich hart.

Danke und liebe Grüße
Andrea
Andrea1966
KaSy
22.05.2020 02:26:02Neu
Liebe Andrea,
Hat Dein Vater eine Betreuungsverfügung oder Betreuungsvollmacht für jemanden geschrieben, dann würde diese Person dann tätig werden müssen, wenn er rechtlich/juristisch nicht mehr zurechnungsfähig ist.
Ich denke, das ist noch nicht der Fall.
Und wenn es der Fall wäre, dann träfe das erst dann zu, wenn die Klinik nicht mehr zuständig ist.

Momentan ist er in der Obhut der Klinik. Sie sind derzeit für ihn vollständig und versicherungsrechtlich verantwortlich. Sie dürfen ihn nicht entlassen, ohne selbst dafür gesorgt zu haben, dass eine Anschlussbetreuung und eine seiner derzeitigen Lebensqualität angepasste medizinische und Alltagsversorgung gesichert ist.

Der Sozialdienst der Klinik muss alles dafür tun, damit Dein Vater mit dem Zeitpunkt seiner Entlassung vollkommen abgesichert ist.

Sie wissen, dass er allein lebt.

Du bist nicht in der Lage, für ihn zu sorgen und da Du derzeit stationär in einer Klinik bist, darfst Du rechtlich gar nicht dazu ermuntert und schon gar nicht verpflichtet werden, das alles für ihn zu organisieren. Du darfst nicht einmal in der Klinik anrufen. Selbst wenn Du normal zu Hause sein würdest, bist Du dafür rechtlich nicht zuständig.

Dein Sohn, also der Enkel Deines Vaters, ist auch zu keiner solchen Aufgabe verpflichtet.

Dass Ihr beide das trotzdem tut, ist natürlich sehr lieb im Interesse Deines Vaters, aber rechtlich habt Ihr diese Pflicht nicht.


Ich habe selbst mehrfach Entlassungen in einem Zustand erlebt, wo ich (allein lebend) nicht völlig selbstständig für mich sorgen konnte und medizinische Hilfe benötigte.
Die Klinik entließ mich nicht, ohne dass der Sozialdienst alles Erforderliche geregelt hatte.
Er nahm persönlich telefonisch Kontakt mit Pflegediensten in meiner Nähe auf und versicherte sich, dass die erforderlichen Leistungen auch erbracht werden würden. Eher wurde ich nicht entlassen.

Meine Verwandten wurden durch die Klinik nicht einbezogen. Natürlich war dort bekannt, dass ich Eltern, Geschwister, erwachsene Kinder habe, aber da ich allein lebe, zählt nur das.

Der Sozialdienst hat viele Möglichkeiten, die Du und Dein Sohn gar nicht alle kennen könnt. Sie haben jede Menge Kontaktmöglichkeiten auch für Zwischenlösungen, z.B. falls es in der am bestem geeigneten Unterbringungsform noch keinen Platz gibt.

Sage dem Sozialdienst am Telefon deutlich, dass die Klinik für die Folgeversorgung zuständig ist.


Dass diese Versorgung danach durch Euch angeschaut werden sollte, ist ratsam.

Bei mir war der Frau vom Sozialdienst von der Pflegedienstleitung per Telefon (in meinem Beisein) zugesagt worden, dass auch eine Haushaltshilfe erfolgen würde. Das geschah erst aus rechtlichen Gründen nicht, aber das konnte ich innerhalb eines Tages telefonisch mit der Krankenkasse klären. Dann dauerte es aber zwei Wochen, bis der Pflegedienst endlich organisierte, dass für mich eingekauft wurde. Ohne meine Verwandten wäre ich vermutlich verhungert.
Das schreibe ich nur, weil die Realität anders sein kann als das Versprechen am Telefon.
Du erlebst das ja gerade in einer verschärften Variante.


Natürlich habt Ihr den Vater, Opa lieb, aber es kann keiner von Euch verlangen, Eure Wohnungen in einem Tag so umzubauen, dass ein schwerkranker Mensch dort mit einer 24-Stunden-Pflegebetreuung einziehen kann.
Ein Pflegeheim oder ein Hospiz hat nicht von jetzt auf gleich einen Platz, ganz abgesehen davon, dass Ihr ja gar nicht wissen könnt, wo es derartige, für den Vater geeignete, Einrichtungen gibt.

Ich wünsche Dir eine gewisse "Härte" beim Sozialdienst, ansonsten rufst Du die Klinikleitung an.
Es wird nicht einfach.
KaSy
KaSy
KaSy
22.05.2020 02:55:51Neu
Noch was:
Dein Vater hat das Recht, mit einem von der Krankenkasse finanzierten Transportmittel (je nach Gesundheitszustand Krankenwagen, Taxi) zu seiner Wohnung oder einem anderen geeigneten Ort gefahren zu werden. Das muss die Klinik organisieren.
Vielleicht möchtet Ihr ihn gern abholen, aber rechtlich seid Ihr dazu nicht verpflichtet.

Falls sich die Klinik stur stellt und ihn doch ohne Anschlussversorgung entlassen will, solltet Ihr ihn nicht abholen.

Da vermutlich ein Krankenwagen genutzt wird, muss der Fahrer dafür Sorge tragen, dass der Patient sicher und versorgt "abgegeben" wird. Das wird er in der Wohnung des Vaters nicht können.

Ich hoffe natürlich, dass es nicht so weit kommt, aber es ist schon erschreckend, was die Klinik einem Schwerkranken zumuten will, so wie Du es geschrieben hast.

Bleibt der Klinik gegenüber freundlich bestimmt hart.
Eurem Vater hilft das.
Er wird all Eure Liebe jetzt und danach erfahren und spüren.

KaSy
KaSy
Andrea1966
22.05.2020 08:29:21Neu
Liebe KaSy,

danke für die schnelle Antwort, du hast mir wertvolle Tipps gegeben. Ich werde mich gleich mal an Telefon hängen und mich überall durchfragen usw.

Liebe Grüße
Andrea
Andrea1966
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