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Thema: Wesensveränderung/ Partnerschaft

Wesensveränderung/ Partnerschaft
Glückskind
12.06.2017 09:12:24
Hallo, ich bin seit zwei Jahren als Ehefrau betroffen. Mein Mann hatte ein Astro 2, und wurde recht erfolgreich operiert. Danach wurde es schwierig , da ein Keim für Eiter in der Tumorhöle sorgte. Also gab es eine erneute Op und eine lange Antibiose ( 3 Monate) . Die ersten Antibiotika Spritzen gab es direkt in die ( Schädeldecke), die extra offen blieb. 4 Monate später wurde eine Plastik eingesetzt, da der eigene Schädelknochen infektiös verworfen wurde.Eigentlich sind wir ( ich und unsere 3 Kinder) froh, dass alles gut überstanden wurde, wenige Einschränkungen ( Wortfindungstörungen, Konzentrationsschwäche, Planungschwirigkeiten, Vergesslichkeit) . Wenn man ihn jetzt kennenlernen würde und nicht anders erlebt hätte, würde man so eine schwere Krankheit nicht vermuten.
Was mir aber sehr zu schaffen macht, ist seine schnelle Erregbarkeit. Ich kann ihm kaum etwas normales sagen, ohne dass er sich aufgeregt. Auch sind sämtliche Familienmitglieder, wie seine Eltern und Geschwister und meine Eltern ..... alle plötzlich nervig und schlecht. Auch ich , angeblich seine Traumfrau, kann es ihm nicht recht machen. Er meckert über sehr vieles.
Seine Gefühle mir gegenüber äußert er selten, ich weiß nicht wo ich dran bin.
Ich versuche eben alles am Laufen zu halten. Er ist seit Juni 2015 krank geschrieben und ich habe in dem Zuge meine Arbeitszeit erhöht . Dies aber erst ,seitdem es ihm körperlich besser geht und er alleine mit den Kids fertig wird.
Ich wünsche mir einen Austausch mit anderen Ehefrauen, die gleiches mit ihren Partner mitmachen. Herzlichen Dank fürs Lesen, es ist dann doch etwas länger geworden...!
Glückskind
Rehsis
12.06.2017 09:39:27
Guten Morgen Glückskind,
Dein Mann, Deine Familie und Du, ihr musstet viel aushalten und überstehen. Mit der Erkrankung hat sich das gesamte Leben von Euch auf drastische Art und Weise verändert, denn es ist ja nichts mehr so, wie es vorher war. Für Dich hat sich geändert, dass Du fast ausschließlich die Familie versorgst und alleine alles am Laufen hältst. Für Deinen Mann hat sich verändert, dass er nicht mehr der Ernährer, Versorger, dass was einen Mann ausmacht, ist. Sein Urvertrauen bezüglich der eigenen körperlichen Unversehrtheit ist zerstört, alles worüber er sich identifiziert hat ( Beruf, usw.) ist weggebrochen. Vielleicht fühlt er sich unzulänglich, schwach, wertlos und als Versager ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein und projeziert seinen Frust und seine Unzufriedenheit auf Dich und alle anderen. Aus seiner Situation können sich Depressionen entwickeln, die sich bei Männern eher in aggressivem, als niedergeschlagenem Verhalten zeigen. Ich denke, Ihr braucht psychologische Unterstützung von erfahrenen Therapeuten und Psychoonkologen, sonst zerbricht Eure Partnerschaft und Familie daran und alleine kann man dieses Trauma, das ihr alle durchleben musstet, auch die Kinder, nicht verarbeiten.

Ich wünsche Euch viel Mut und Kraft,
herzliche Grüße,Iris
Rehsis
Aziraphale
12.06.2017 11:58:40
Es gilt herauszufinden, wo das Problem liegt. Ist es - wie Iris schreibt - psychisch, oder ist es körperlich (aufgrund der Lage des Tumors). Ersteres ist durch Therapie gut in den Griff zu bekommen, bei letzterem wird das ungleich schwerer.

Mein Mann ist an sich viel liebevoller, als er es früher war. Aber manchmal ist er auch leicht aggressiv, vermutlich kommt das von den Medikamenten. Er kann aber klar erfassen, wenn er sich "falsch" verhält, also wenn ich ihn darauf hinweise, dass er mich verletzt.

Mein Mann ist mir trotz seiner Krankheit eine große Stütze. Nur weil er als Hausmann gut funktioniert, ist es mir möglich, für unsere Familie zu sorgen. Ich sage ihm das regelmäßig und hoffe, dass das die Gedanken um sein "Versagen" verschwinden lässt. Mein Mann war selbständig, aber von seinem Hauptkunden kamen keine Aufträge mehr. Die Folge: vor 2 Wochen das Geschäft abgemeldet. Jetzt folgt die Insolvenz...

lg
Aziraphale
Third Day
12.06.2017 16:05:05
Hallo,ich kenne das mit dem Genervtseit und Agressionen sehe gut.Bin genauso wie Du die Frau eines Betroffenen,Astro 3 inoperabel.Ich kriege auch den ganzen Frust von ihm ab;ich versuche mir zu sagen,dass es die Krankheit ist und ich nix dafür kann.Kannst mir gern auch eine Nachricht schreiben!
Third Day
MiJo
12.06.2017 20:33:08
Die Probleme mit den Aggressionen bzw. überhaupt von Wesensveränderungen haben sicher mehrere Ursachen - psychische, durch Medikamente verursachte, aber eben auch durch die Lage des Tumors bedingte. Sitzt der Tumor auf der rechten Seite bzw. genauer am rechten Frontallappen, sind Aggressionen u.ä. typische Folgen. Ich habe das bei meinem Mann erlebt, den ich so vorher nie erlebt habe. Auf der linken Seite scheint es genau gegenteilige Folgen zu haben, die Patienten zeigen eher kindliches, anhängliches, etwas treuherziges Verhalten - das habe ich jedenfalls hier im Forum oft gelesen.
Da wir zwei kleine Kinder haben und die Aggressionen hier zu einem kriegsähnlichen Zustand geführt haben, wird bei meinem Mann momentan eine Medikamentenumstellung (stationär) durchgeführt. Keppra/Levetiracetam, ein Antiepileptikum, ist bekannt für seine aggressionsfördernde (Neben-)Wirkung und wird ersetzt. Mal sehen, ob das schon zum Erfolg führt.
MiJo
MiJo
12.06.2017 20:38:11
... ich sollte hinzufügen, dass mein Mann ein Glioblastom hat ...
MiJo
distrip
15.07.2017 14:38:19Neu
Hallo Glückskind, bin über das Thema gefallen da ich über das Medikament gesucht hatte, erkenne mich hier leider auch als Partner meiner leidenden Frau wieder. Meine OP war in 2013. Ich denke dass die Antiepileptika hier einen sehr sehr sehr großen Einfluss auf die Psyche haben. So bekomme ich teilweise bei kleinsten Kleinigkeiten schlechte Laune oder Brause wegen Nichtigkeiten auf und kann mich fast gar nicht mehr bremsen in meinem Ärger. Was mir sehr unangenehm ist, ist die Tatsache dass ich mir dessen durchaus bewusst bin, dies aber kaum steuern kann. Für alle hier sehr anstrengend, hoffentlich wirds mal besser. Ich drücke dir auf jeden Fall die Daumen!
distrip
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