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Gisela

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Mein Mann ist seit 3 Monaten im Hospiz. Ich habe den Eindruck, dass er die Besuche von mir und der Familie nicht mehr schätzt, zum Personal ist er freundlicher, so weit er kann. Er kann nicht mehr sprechen und nicht mehr alleine in den Rollstuhl. BIsweilen ist sein Verhalten aggressiv und mürrisch.
Wir wissen nicht wie wir mit der Situation umgehen sollen. Paradox ist, dass er sich im Hospiz wieder etwas verbessert hat und selbst wieder essen kann.

Jonathan21

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Guten Morgen liebe Gisela,

sehr gut kann ich Deine Gefühle wegen des Verhaltens Deines Mannes nachvollziehen. Es tut mir um Deinen Mann leid, aber auch um sehr um Dich und Deine Familie. Doch, glaube mir, er schätzt seine Familie nach wie vor. Mein Sohn und ich hatten ein sehr enges Verhältnis, schon alleine deswegen, weil ich mit ihm alleinerziehend war. Er hat sich im Verhalten mir gegenüber auch verändert. Das tat manchmal weh. Der Verlauf meines Sohnes war auch tragisch, wie bei jedem, bei meinem Sohn wusste aber keiner, er auch nicht, dass er ein Glioblastom (eigentlich Astrozytom Grad IV, aber der Verdacht Glio stand auch mal im Raum). Und insbesondere bei unserem letzten Treffen, war er mir gegenüber kränkend und bezüglich einer Person, die ich überhaupt nicht schätzte, sehr abweisen. Obwohl ich zu den aufbrausenden, verletzbaren Menschen gehören, habe ich damals meinen Mund gehalten, was mich an mir selbst gewundert hat. 1,5 Wochen später war mein Sohn tot. Und ich sehr froh, dass ich ruhig geblieben bin. Das veränderte Verhalten der Betroffenen ist leider ein Symptom der Krankheit. Tief durchatmen liebe Gisela. Jetzt habe ich eine Weile über das paradoxe Verhalten Deines Mannes gedacht, dass er wieder isst. Weißt Du, ich habe versucht mich in seine Situation hineinzuversetzen. Vielleicht möchte man den Menschen, die man liebt gerne etwas Gutes tun, bzw. sie nicht verletzen. Aus diesem Druck heraus kann er vielleicht aber tatsächlich nicht mehr essen. Vielleicht fühlt er sich in dem Hospiz etwas freier, gelöster. Es ist eine harte Aufgabe für Dich, aber vielleicht denkst Du gar nicht darüber nach, freust Dich, dass er Nahrung zu sich nimmt. Meinst Du, Du schaffst das? Und dann seht ihr euch vielleicht auch wieder herzlicher in die Augen.

Ganz liebe Grüße
Claudia


Claudia

Gisela

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Vielen lieben Dank für die Worte, jedes Wort davon ist richtig und es tut gut es von anderen Betroffenen zu hören.LG Gisela

Mirlie

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Hallo Gisela,
bleib immer souverän und einfühlsam. Handle so, dass du dir selbst später mal nichts vorwerfen brauchst. Seine Persönlichkeitsveränderung wurde durch die Krankheit ausgelöst, Schuld ist der bösartige sich durchs Hirn fressende Tumor. Deinem Mann ist seine tödliche Krankheit, seine Ausweglosigkeit selbst bewusst und er muss mit seinen inneren Dämonen, Ängsten täglich neu zurechtkommen. Das ist für ihn und die ganze Familie sehr schwer zu akzeptieren.

Vielleicht kann dir folgendes Gedicht etwas verdeutlichen, warum dein Mann sich im Hospiz zum Personal anders als zu euch benimmt:

"Mit fremden Menschen nimmt man sich zusammen,
Da merkt man auf, da sucht man seinen Zweck
In ihrer Gunst, damit sie nutzen sollen.
Allein bei Freunden läßt man frei sich gehn,
Man ruht in ihrer Liebe, man erlaubt
Sich eine Laune; ungezähmter wirkt
Die Leidenschaft, und so verletzen wir
Am ersten die, die wir am zartsten lieben."
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

Alles Gute!
Gruß Mirlie

Gisela

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So lieb, vielen Dank!!

Harte Nuss

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Hallo Gisela, als direkter Angehöriger merkt man manchmal nicht in wie weit man den Betroffenen mit seiner Fürsorge überfordert. Personal macht den"Job", das versteht er noch. Einbischen Lob, was er alles an einem Tag geleistet hat und wie er das Personal durch sein Verhalten motiviert. Das du zu Hause etwas ähnliches gemacht hast, ist für ihn vielleicht selbstverständlich. In dieser Situation kommt vielleicht auch die Erziehung aus Kindertsgen zum Vorschein. Habe ähnliches bei meinem dementen Vater im Altershrim erlebt. Er wurde da der "sportliche genannt" nur um wieder nach Hause zu kommen hoffte. Er ist dann auch wirklich zu Hause mit Hospizbetreuung gestorben. Die Krankheit ist leider für beide Seiten eine Herausforderung, die wir nicht brauchen.

Gisela

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Ja, die Stimmung wechselt dann auch wieder tageweise. Es ist schwer wenn man nicht mehr verbal kommunizieren kann. Und man möchte was gutes tun, weiss aber nicht was.

Mego13

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Liebe Gisela,

nun ist es so, dass ich zwar die Betroffene bin, aber vor meiner Erkrankung habe ich jahrelang im Bereich der Kommunikation teils mit älteren Senioren, Menschen mit Demenz oder Parkinson, teils mit Kindern mit traumatischen Erfahrungen, teils mit Kindern mit Autismus gearbeitet habe. Viele kamen unter professioneller Betreuung zur Ruhe, konnten Entspannung finden, sich dadurch auch positiven, teils sogar fröhlichen Verhaltensweisen zuwenden. Ich habe auch noch einen Lehrauftrag im sozialen Bereich, die teilnehmenden Studierenden machen ähnliche Erfahrungen. Es ist natürlich so, dass wenn man im sozialen Bereich arbeitet, den Job sehr gerne mag, eine gesunde Distanz hat und nach der Arbeit nach Hause gehen darf.
Zudem ist es so, dass wenn man diesen Job ernst nimmt, Menschen sehr mag, immer in der sogenannten gewaltfreien Kommunikation bleibt und sehr vorsichtig und achtsam in der eigenen Körpersprache ist. Das macht unfassbar viel aus.
Das können Angehörige gar nicht leisten. Das wäre viel zu viel verlangt. Ein riesiges Problem ist, dass viele Menschen unterschätzen, was Menschen selbst mit schweren neurologischen Erkrankungen noch mitbekommen. Wie sehr sich eigene Stimmungen, Wut und Trauer übertragen.

Fühl Dich ganz fest gedrückt. Ich kann mir vorstellen, dass Dein Mann furchtbare Sehnsucht nach Dir hat. Gibt es in dem Hospiz vielleicht therapeutische Angebote, bei denen Du einfach dabei sein darfst. Ihr euch einfach nonverbal von einer anderen Seiten erleben dürft. Vielleicht auch einmal die Hände halten könnt.
Von Herzen alles Liebe
Mego

Gisela

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Vielen lieben Dank für die guten Ideen. Ja, die Profis sind in der Kommunikation mit Gliblastom Patienten im Vorteil. So was lernt man ja nicht als Laie. War zwar im Lehrberuf, aber die nonverbale Kommunikation ist schwierig. Und die Stimmungslage wechselt halt häufig, kann von den Patienten leider nicht mehr gesteuert werden. Das Gehirn ist halt völlig konfus. Konnte mir aber schon einiges vom Pflegepersonal abschauen was den Umgang betrifft.

Mego13

neu

Liebe Gisela,

selbst für manche Profis ist das superschwer. Es ist ein ewiger Lernprozess. Hatte dieses Semester eine Studierende dabei, die vermehrt mit Kindern mit Autismus arbeitet, teils auch von aggressiven Verhaltensweisen berichteten. Was selbst für Studierende neu war, die jetzt bspw. mit Menschen arbeiten, die durch Traumafolgestörungen aggressives Verhalten zeigen.

Vielleicht kannst Du Dir selber morgen etwas Gutes tun. Dich in den Arm nehmen lassen, Dir selber ein paar Tulpen schenken, Deinem Lieblingslied lauschen. Einfach anerkennen, was Du leistet.

GlG
Mego

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